Kolik – Wenn ein Pferd Bauchschmerzen hat

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag hatten wir hier ein Pferd mit einer Kolik.
Als ich bei der Nachtfütterung das gesamte Heu verteilt hatte und abschließend die Anzahl der Pferde überprüfte, zählte ich nur 10 Pferde. Drei fehlten! Dass mal EIN Pferd fehlt und erst später angetrottet kam, das gab es schon häufiger, aber gleich drei haben bisher noch nicht gefehlt seit ich da bin. Also habe ich die Stirnlampe angeknipst und bin los, um die drei im Dunkeln zu suchen…
Am Offenstall bei der Sattelkammer sehe ich dann ein paar Augen im Licht der Stirnlampe aufleuchten und dann war klar, da sind die Nachzügler. Es waren Odin, Embla und Schamane, wobei Schamane mit aufgerichtetem Kopf im Schnee lag. Ich war nicht sicher, ob er sich vielleicht nur ausruhen wollte oder ob es tatsächlich etwas ernsthaftes sein konnte. Und so ging ich auf die drei zu und wedelte ein wenig mit dem leeren Heusack um die drei zum Laufen in Richtung Koppel zu animieren. Als ich mich dem liegenden Schamanen näherte und hoffte, dass er nun aufstehen würde, kam Odin mir zur Hilfe. Mit angelegten Ohren kam er auf den liegenden Schamanen zugelaufen und scheuchte ihn aus seiner Liegeposition hoch. Schamane lief hinter den Offenstall, aber legte sich dann direkt wieder hin und damit war mir klar, dass etwas nicht mit ihm stimmte und er vermutlich eine Kolik hatte. Im selben Moment wurde mir auch bewusst, dass die zwei anderen Pferde, Odin und Embla, bei ihrem kranken Kumpel geblieben sind um auf ihn aufzupassen, obwohl sie genau wussten, dass der Rest der Herde auf der Koppel war und es dort leckeres Heu gab. Das war sehr faszinierend!

Ich rannte zurück zum Haus und holte Tina, die bereits im Bett lag und gerade dabei war einzuschlafen. Während sie sich anzog und Medikamente holte, bin ich wieder raus um Halfter und Strick zu organisieren. Zwischenzeitlich hatte der Dreiertrupp inklusive Schamane den Weg zur Koppel gefunden. Dort angekommen interessierte sich Schamane leider nicht für das rumliegende Heu, sondern legte sich etwas abseits von der Herde wieder in den Schnee und wälzte sich.
Von diesem Zeitpunkt an waren wir noch ungefähr zweieinhalb Stunden bei minus siebzehn Grad in der Nacht damit beschäftigt den kranken Schamanen zu betreuen. Um ihn in Bewegung zu halten und somit seine Verdauung anzuregen animierten wir ihn mit uns spazieren zu gehen, aber er wollte sich immer wieder hinlegen und wir mussten ihn mehrfach wieder zum Aufstehen bewegen. Es kam mir aber irgendwie so vor als würde er genau wissen, dass wir ihm nur helfen wollten und so bemühte er sich jedes Mal sehr unserem Wunsch nachzukommen. Das Hinlegen kündigte er meistens  durch herabsinken des Halses an und ein krampfhaftes hin und her schütteln des Kopfes. Sein Gesichtsausdruck war dann immer sehr angestrengt und schmerzerfüllt.

Sein Bauch war die ganze Zeit sehr dick und fest und ich streichelte und massierte ihm den Magen, wann immer es ging, was er scheinbar gut fand. Er senkte dann den Kopf ab und stand ganz still. Manchmal drehte er sich mit seinem Kopf zu mir, als wollte er sagen „Danke, das tut gut“. Trinken und fressen wollte er nicht. Selbst nach einer Stunde hat er immer noch nicht geäppelt.
Um ihn weiterhin in Bewegung zu halten und wieder zu seinen Freunden zu bringen, liefen wir wieder zurück zur Koppel und wie als hätte er auf seinen kranken Kumpel gewartete, stand Odin bereits am Zaun und schaute uns erwartungsvoll entgegen. Auf der Koppel angekommen, machten wir Schamane vom Strick los und sofort wollte er sich wieder hinlegen. Und da war Odin wieder zur Stelle und scheuchte seinen Freund auf und animierte ihn sich zu bewegen.  Es war so faszinierend zu beobachten und auch irgendwie kaum zu glauben. Der Freund, der sich um seinen kranken Kumpel sorgt und genau weiß, was gut für ihn ist und ihm dabei hilft. Solch ein Verhalten hatte ich bisher noch nicht erlebt. Unglaublich.

Schamane_web

Im Laufe dieser Nacht haben wir Schamane immer wieder homöopathische Kügelchen in die Maulspalte geschoben, die seine Verkrampfung lösen sollten. Aber es schien zunächst keine Verbesserung in Sicht zu sein. Zwischenzeitlich hatte Tina auch die Körpertemperatur gemessen, die glücklicherweise im Normalbereich lag. Dennoch schwitzte Schamane und er wirkte sehr nervös. Er hatte immer noch nicht geäppelt, was für uns ein gutes Zeichen bedeutet hätte. Und so waren wir irgendwann wieder beim Haus und ich massierte ihm weiter den Bauch. Er wollte immer noch nichts trinken, geschweige denn fressen und ich massierte weiter. Tina brachte dann ein Futtergemisch mit geraspelten Karotten, was wohl auch gut für die Verdauung sein sollte. Er schnupperte dran und für einen kurzen Moment schien es, als würde er tatsächlich etwas fressen wollen. Doch sein Interesse daran ging dann doch leider sofort wieder verloren.
Irgendwann hörte ich dann endlich ein erstes Geräusch in seiner Bauchgegend und dann noch eins – juhuuu! Die Hoffnung wuchs. Auf einmal hören wir ein vergleichsweise lautes und durch seinen ganzen Körper vibrierendes Geräusch, was wie ein Rülpser seinen Weg nach draußen fand.

Von diesem Zeitpunkt an wurde alles besser. Er schien sich weiter zu entspannen und er wurde ruhiger. Dann brachten wir ihn wieder zur Herde und ließen ihn für einen Moment in Ruhe um zu beobachten, was passiert. Er schien sehr erschöpft, zeigte aber keine weiteren beunruhigenden Anzeichen. Wollte sich nicht mehr wälzen und hatte auch keine krampfhaften Anfälle mehr.
Ebenfalls erschöpft und durchgefroren, wie wir waren, beschlossen wir ihn nun in Ruhe bei seiner Herde zu lassen. Wir hatten nun beide ein gutes Gefühl und waren sicher, dass das Schlimmste überstanden war und so gingen wir um ca. 1.30 Uhr endlich schlafen.
Am nächsten Morgen ging es Schamane tatsächlich besser. Er trank und hatte auch wieder gefressen. Interessanterweise stand er den ganzen Vormittag über sehr abseits von der Herde, jedoch nicht allein, denn sein Kumpel Odin, der ihn schon in der vergangenen Nacht nicht aus den Augen gelassen hatte, stand bei ihm und leistete ihm Gesellschaft. Und am Nachmittag haben wir Schamane dann auch schon wieder spielen sehen. Wunderbar!

One thought on “Kolik – Wenn ein Pferd Bauchschmerzen hat”

  1. Liebe Alice Erlebnisse so wie Du sie schilderst sind sehr aufschlußreich, zumal wir bzw ich noch nie erlebt habe, alleine dieses Erlebnis mitten in der Nacht, hast gut gemacht, Hut ab, viele bussis von Oma und Deinem Opa

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