Minus 20 Grad – Winter in Norwegen

Gestern Nacht war ich wieder mit dem Füttern dran. Es war kein Mond zu sehen, aber dafür scheinbar endlos viele Sterne, die um die Wette leuchteten. Nachdem ich das Heu vollständig verteilt hatte, beschloss ich noch einen Moment zu bleiben, knipste die Stirnlampe aus, breitete die leeren Heusäcke im Schnee aus und legte mich auf den Rücken und blickte in den Sternenhimmel. Es war absolut nichts zu hören, außer dem gleichmäßigem Kauen der Pferde, ab und zu mal ein zufriedenes Schnauben und das Knirschen des Schnees unter den Pferdehufen. Wenige Meter entfernt konnte ich das leise Rauschen des Flusses hören. Sonst waren keine weiteren Geräusche zu hören. Keine Autos, keine Stimmen, kein Flugzeug, keine Sirene, kein Handy – Nichts! Und die Luft war so unglaublich frisch und klar. Von diesen Sinneseindrücken überwältigt blickte ich in diese klare Nacht und wurde mit drei Sternschnuppen belohnt.

Wenn Nachts keine Wolken am Himmel zu sehen sind, dann wird es in der Regel am nächsten Tag sehr kalt. Und so war es dann am nächsten Morgen auch. Um 7 Uhr früh zeigte das Thermometer minus zwanzig Grad an. Das Fenster zu meinem Bett war innen teilweise schon eingefroren und draußen ist mir der Atem direkt in der Nase eingefroren. An meinen Wimpern, Augenbrauen und an den aus meiner Mütze herausguckenden Haaren verwandelte sich mein Atem sofort zu Eis und klebte dort fest. An meinen Wimpern war das wirklich seltsam und habe ich so vorher noch nicht erlebt – sozusagen eine natürliche weiße Wimperntusche.

Herde_web
Das ganze Fell der Pferde war weiß überzogen und rund um die Nüstern hingen Eisstücke. An solch besonders kalten Tagen haben die Tiere einen spürbaren größeren Hunger und sind gereizter, sobald es Futter gibt. Dann wird erst mal untereinander ums Futter gekämpft. Ohne Handschuhe wären mir die Finger wohl sofort eingefroren und selbst mit Handschuhen schmerzte die Kälte. Das beste war sich zu bewegen und dann wurde es auch schnell warm – nee, das war eine Lüge. Ich hatte gar keine andere Wahl, als mich ausreichend zu bewegen, wenn ich nicht auf der Stelle zu einer Eisstatue werden wollte und in Wirklichkeit war ich froh als ich endlich wieder im Haus war und mich mit meiner warmen Tasse Kaffee vor den Kamin setzen konnte.

Im Laufe des Vormittags kam dann auch die Sonne raus und es wurde ein wunderschöner winterlicher Tag. Um 13 Uhr zeigte das Thermometer dann nur noch minus zwei Grad an, sodass wir innerhalb von sechs Stunden einen Temperaturunterschied von fast zwanzig Grad hatten.
Am Nachmittag haben wir dann das schöne Wetter genutzt um mit den Pferden zu spielen und vom Boden aus mit ihnen zu arbeiten.
Mit dieser Pferdeherde (12 Islandpferde  und 1 Araberstute) leben zu können ist wirklich toll. Ich lerne hier nach und nach jeden einzelnen Charakter dieser Herde näher kennen und schule meinen Blick für das jeweilige Befinden. Bei der Arbeit mit den Pferden passt sich Tina immer an den jeweiligen Typ des Pferdes an und achtet sehr darauf, wie es dem Pferd gerade geht. Hat ein Pferd keine Lust, dann wird nichts oder nur ganz wenig mit ihm gemacht. Ist ein Pferd vom Typ eher ängstlich und hat nur wenig Selbstvertrauen, so werden Übungen gemacht, die das Selbstvertrauen stärken sollen. Ihr Ziel ist es, den Charakter und Stolz des Tieres so gut es geht zu fördern und dadurch das Pferd zu einem glücklichen und motivierten Freund zu machen. Alles, was wir mit den Pferden machen, soll ausschließlich für das Pferd sein und nicht für einen selbst.

Herde2_web
Es ist wirklich eine sehr schöne Form des Umgangs mit den Tieren. Es macht sehr viel Spaß und beeindruckend ist, dass auch den Pferden die Freude und der Spaß tatsächlich deutlich anzusehen ist.
Ich habe zum Beispiel mit Frida gespielt – wir haben das Jäger-Häschen-Spiel (nach Sabine Birmann) gespielt und uns gegenseitig gejagt. Als wir das Spiel eigentlich beendet hatten und sie davon getrabt war, bin ich ebenfalls in eine andere Richtung davon gegangen und wollte ein anderes Pferd holen, als ich kurze Zeit später hinter mir Hufgetrommel hörte und Frida mit wehender Mähne hinter mir her galoppiert kam und abrupt bei mir stoppte, um mich aufzufordern weiter mit ihr zu spielen. Das war ein unglaublich tolles Gefühl, wie ich es vorher noch nie so erlebt habe.

One thought on “Minus 20 Grad – Winter in Norwegen”

Schreibe einen Kommentar zu Ria Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.